Workshop, Filmscreening, Research
Juli 2025
Ein Monat in der Raumstation. Auf der Suche nach denen, die in den Lücken der Archive und Museen verschwunden sind: Queere „Gast“Arbeiter:innen.
«Ist es möglich, die konstitutiven Grenzen des Archivs zu überschreiten oder zu verhandeln? Indem ich eine Reihe von spekulativen Argumenten vorbringe und die Möglichkeiten des Konjunktivs ausnutze, indem ich eine Erzählung gestalte, die auf Archivrecherchen basiert, und damit meine ich eine kritische Lektüre des Archivs, die die figurativen Dimen-sionen der Geschichte nachahmt, wollte ich sowohl eine unmögliche Geschichte erzählen als auch die Unmöglichkeit ihres Erzählens verstärken.»
Saidiya Hartman
Die Historikerin Saidiya Hartman stieß ihrer Arbeit zu Frauen im trans-atlantischen Sklavenhandel an die Grenzen von Archiv und Museum. Beide Orte stellen das Gedächtnis der Dominanzgesellschaft dar und lassen demnach die Geschichte(n) von Minderheiten aus. Hartman stellte diesen Leer-stellen Spekulative Fiktion engegen. Dieses auch als kritisches Fabulieren definierte Vorgehen stellt ein Werkzeug dar, um produktiv mit den Lücken und dem Schweigen der Archive – der Abwesenheit bestimmter Stimmen also – umzugehen. Dazu sucht man in Archiven nach „Fetzen“ von Informationen, um zu rekonstruieren, wie das Leben von Personen aussah, die in historischen Quellen nicht erwähnt werden, um auf der Grundlage dieser Rückschlüsse dann eine Erzählung zu erstellen.
Inspiriert von Harmans Ansatz drehte sich die Residenz bei 3YG im Juni 2025 darum, queere “Gast”arbeiter*innen aus den Lücken der kollektiven Erinnerung der BRD herauszuholen. Die Residenz war Teil des Projekts “DIE LÜCKE”, das einen Theatertext erarbeitet.
Hierfür wurden zum einen Recherchen im Stuttgarter Archiv durchgeführt und interessantes Material dokumentiert. Durch die Einbindung von Rechercheergebnissen aus dem Schwulen Museum Berlin, welche im Vorfeld der Residenz gesammelt wurden, sowie die Lektüre verschiedener Literatur zum Thema “Gast”arbeit, konnten Textpassagen entstehen, welche die Räumlichkeiten erschaffen, die im Theatertext zentral sein werden. So entstanden literarisch das Zimmer im “Gast”arbeitsheim, das restliche “Gast”arbeitsheim und der Cruising Spot in der Bahnhofstoilette.
Während der Residenz entstanden auch konkrete Skizzen von Figuren, welche im Theatertext vorkommen
werden. Die Beziehungskonstellationen nahmen weiter Formen an, und ebenso erste “Briefwechsel”zwischen zwei der Figuren. Weiterer Bestandteil der Residenz war die Sichtung von Filmmaterialien. Hierfür wurden Nachrichtensendungen, Werbespots, Reportagen sowie Dokumentar- und Spielfilme auf Hinweise queerer Existenzen gesichtet. Wöchentlich fanden außerdem Screenings auf dem Gelände des BAUZUG 3YG statt, bei dem verschiedene Filme zu “Gast”arbeit gezeigt wurden. Das Ziel davon war die Einbindung einer Öffentlichkeit in den Rechercheprozess, aber auch die Vernetzung Interessierter.
Interviews aus dem Lautsprecher, die von Gleis 11 erzählen.
Textpassagen, kopiert, an der Wand. Worte über den Bunker unter dem Gleis, in dem Menschen begutachtet und auf weitere Städte verteilt wurden.
Ein tag an der Wand gegenüber: “dark room →”
An derselben Wand, höher, die ganze Länge der Fensterfront einnehmend, ein langer Streifen Kreppband. In Handschrift Jahreszahlen und Notizen, von “Ludwig Erhard & Franz Josef: entwickeln Anwerbeabkommen” über der 1955, “Aufhebung Rotationsprinzip” über der 1964, oder, über der 1972, “WDR Preisausschreiben um alternativen Begriff zu “Gastarbeit” zu finden; 32.000 Vorschläge eingegangen”. Die Zahl danach, 1973, ein Wimmelbild: “Ölkrise”, “Streik Pierburg-Neuss”, “Streik Ford Köln”, “Anwerbestopp”, “Hausbesetzung durch Arbeiter*innen, Frankfurt”. Weiter den Kreppstreifen entlang kommen bald schwarze Zettel, Angefangen bei “Hamburg 21.8.1980”, “Semra Ertan, 1982”, “Nürnberg, 24.6.1982”, fast jedes Jahr schwarze Zettel, bis zum letzten, der weit hinter dem Ende des Kreppstreifens an der Wand klebt und auf dem “Hanau, 2021” steht. Im Kontrast zu dieser Trauer, pinker Kuli Selbstverteidigung, auf den Zetteln entlang des Kreppstreifens stehen “Antifa Gençlik”, “Power Boys”, “36 Boys”. Am Boden lehnen Bücher rundum an den Waggonwänden.
Als Abschluss der Residenz wurde ein Workshop mit dem Titel Migra-queering the archive organisiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Erschaffung von Gegen-Archiven aus Communities heraus. Hierfür wurden im Waggon die Textskizzen, die in der Residenz entstanden, sowie ausgewählte Materialien aus den Archivrecherchen zu einer Ausstellung aufgearbeitet. Vor dem Waggon entstand nach Story-Telling Übungen ein Zine, in dem die Teilnehmenden Beiträge mit Mixed Media gestalteten.
Photocredits: G Cartone, Clarissa Kassai